vor 2 Monaten

Prof. Dr. Thorsten Schlomm im Interview

Prof. Dr. Thorsten Schlomm, Direktor der Klinik für Urologie an der Charité Berlin, setzt sich neben seiner täglichen Arbeit als Arzt für die Zukunft des urologischen Fachpersonals, die Weiterbildung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein. Zuletzt trat er außerdem in der VOX-Sendung „Showtime of my Life – Stars gegen Krebs” auf und entdeckte dabei während einer urologischen Vorsorge-Untersuchung Blasenkrebs bei Mickie Krause. 

Wir haben den Klinikdirektor, der auf Instagram als „thorstenschlomm“ aktiv ist, zu seiner täglichen Arbeit und seinem persönlichen Schwerpunkt befragt:

Lieber Herr Prof. Dr. Schlomm, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für ein Interview mit uns nehmen. Was hat Sie dazu bewogen, Medizin zu studieren und sich dann für die Urologie zu entscheiden?
Ich habe nach der Schule Zivildienst geleistet und war in der Onkologischen Pflege tätig. Die Arbeit im Team und mit den Patienten war sehr befriedigend und Naturwissenschaften haben mich schon immer interessiert. Das war also eine perfekte Kombination. Aber meine Schulnoten waren nicht so gut, deshalb habe ich eine Ausbildung als Krankenpfleger begonnen, bevor ich mich zum Medizinstudium einschreiben konnte.

Zur Urologie bin ich tatsächlich eher zufällig gekommen. Ich habe im Studium mit der Krebsgenomforschung begonnen und an Nierentumoren geforscht. Hierdurch habe ich festgestellt, wie vielseitig die Urologie ist.

Wo liegen die Schwerpunkte in der täglichen Arbeit?
Mein persönlicher Schwerpunkt liegt in der Behandlung von Prostatakarzinomen und in der genbasierten Krebstherapie. Aber als Klinikleiter und Familienmensch liegt mir noch eine weitere Angelegenheit am Herzen, und das ist die Zukunft des urologischen Fachpersonals, die Weiterbildung, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Schon während meiner Ausbildung habe ich schnell gemerkt, dass unser Gesundheitssystem vom Pflege- und Ärztepersonal massiv subventioniert wird, denn sie gehen täglich über ihre Grenzen. Das wird einfach vorausgesetzt und eingepreist. Wäre es nicht so, hätte das deutsche Gesundheitssystem sicher 30 % Mehrausgaben. Ein Flugzeug darf ja auch nicht starten, wenn ein Pilot fehlt. In der Klinik kommt die Krankenschwester abends zur Nachtschicht auf die Station und sieht, dass zwei Kolleginnen fehlen. Dann wird die Station nicht geschlossen, sondern sie kompensiert ihre Kolleginnen, bekommt dafür aber kein doppeltes Gehalt, sondern im schlimmsten Fall Burnout. Das ist der Unterschied! Gesundheitsversorgung wird in Deutschland als „all inclusive“ von den Menschen vorausgesetzt. Verantwortlich hierfür ist die Politik, die das so vermittelt – auf unsere Kosten.

Was dabei aber nicht bedacht wird, ist der Fachkräftemangel in der Pflege und die Akquisition und Begeisterung der Medizinstudierenden für die Arbeit in der Klinik. Frauen leisten einen ganz wesentlichen Teil der Arbeit in Krankenhäusern. Sobald sie Mütter werden, haben sie aber in der Regel nur noch bedingt Möglichkeiten, ihre Karriere fortzusetzen. Das muss geändert werden. Eine Frau (und auch ein Mann) mit Familie sollte nicht zwischen Familie ODER Beruf wählen müssen – beides muss möglich sein.

Ich bin daher froh, dass wir hier in der Urologischen Klinik der Charité Berlin eine Ausbildungsagenda entwickelt und umgesetzt haben, die allen Assistenzärzt:innen einen strukturierten Ausbildungsplan über fünf Jahre zur Verfügung stellt. Er beinhaltet ein rotierendes System, sodass alle Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung verlässlich alle Bereiche und Kliniken kennenlernen.

Wir haben außerdem eine Sabbatical-Stelle geschaffen, so dass jede/r Ärztin/Arzt, wenn gewünscht, ein 1-2-monatiges kurz-Sabbatical einlegen kann, ohne dass es zu Engpässen kommt, um diese Zeit für Urlaub, Reisen, Sprachkurse, die Pflege von Angehörigen oder ähnlichem nehmen kann.

Gestern habe ich erst ein Gespräch mit einer unserer Ärztinnen geführt, die mir mitgeteilt hat, dass sie schwanger ist. Tatsächlich kann das heute immer noch eine Art Schock für werdende Mütter und Väter sein, weil die Freude über die wachsende Familie begleitet werden kann durch Existenzängste. In unserer – zugegeben sehr kinderreichen – Klinik braucht sich niemand Sorgen um die berufliche Karriere machen. Dafür haben wir erfolgreiche Programme installiert, die Elternzeiten (beider Elternteile!) und Teilzeitmodelle (beider Elternteile!) kombinieren.

Wo sehen Sie generell Verbesserungspotenzial in der Urologie?
Wir dürfen nicht an alten Systemen festhalten, sondern müssen uns öffnen und uns den Bedürfnissen des medizinischen Nachwuchses anpassen, denn ansonsten haben wir in einigen Jahren ein massives Nachwuchsproblem. Das ist auch möglich, wenn wir alle es wollen.

Was halten Sie von der Spezialisierung von Kliniken?
Sie macht Sinn. Es geht nicht darum, sich gegenseitig Konkurrenz zu machen, sondern komplexere Erkrankungen durch spezialisierte Teams und mit der entsprechenden medizintechnischen Ausstattung effektiver behandeln zu können.

Es geht auch nicht darum, Krankenhäuser zu schließen, wie es letztens von der Bertelsmann-Stiftung1 vorgeschlagen wurde. Ganz im Gegenteil: die Versorgung – auch im ländlichen Raum – muss gewährleistet bleiben, sich aber aufs Wesentliche konzentrieren. Krebs und chronische Erkrankungen gehören für mich an Zentren angebunden. Das heißt nicht, dass sie nicht vor Ort behandelt werden. Es sollten jedoch regelmäßig, z. B. vor relevanten Therapieentscheidungen interdisziplinäre Besprechungen mit einem assoziierten Zentrum (z.B. Tumorboard) durchgeführt werden. Wir haben hierfür z. B. ein Netzwerk mit unseren niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen in Berlin und Brandenburg aufgebaut, in dem wir die Daten der metastasierten Patient:innen zentral in der Charité auf Möglichkeiten für Studien und Gensequenzierung überprüfen und die Informationen dann an die Kolleg:innen zurückgeben. Die Patient:innen brauchen dafür nicht zu uns zu kommen.

Wie hat Corona Ihren Klinikalltag beeinflusst?
Wir haben während der gesamten Corona-Zeit bisher nur sehr wenige Krebs-OPs absagen oder verschieben müssen, allerdings zum Preis einer massiven Rationierung der Versorgung von chronisch Erkrankten und sogenannten „Bagatelleingriffen“, die allerdings nach einiger Zeit auch zu ernsten Problemen und Beeinträchtigungen führen können. Kurioserweise kommen wir jetzt durch die omikron-bedingten zahlreichen Personalausfälle aktuell in ernste Engpässe. Nicht nur durch positiv getestete Mitarbeiter:innen, sondern auch durch deren Kinder, die nicht mehr in die Kita oder Schule dürfen. Das legt nun brutal die Mängel des Systems offen. Da unser Gesundheitssystem in Nicht-Krisenzeiten schon nicht mit personellen Reserven ausgestattet ist, zwingen es die aktuellen Ausfälle nun in die Knie. Ich bin leider skeptisch, dass sich hier nach Corona etwas relevant ändern wird. Dazu hätte man nun schon zwei Jahre Zeit gehabt.

Was raten Sie Patienten und Angehörigen zum Thema Vorsorge?
Während Corona haben wir gelernt, dass schon kleine Vorsorgemaßnahmen wie der Mundschutz dabei helfen können, die große Welle abzuflachen. So ist es auch mit der Vorsorge. Regelmäßige Untersuchungen helfen dabei, die Welle (oder schwerwiegende Erkrankung) frühzeitig zu brechen.

Für die Männer zitiere ich auch gerne immer den regelmäßigen Auto-Check. Wer regelmäßig zum Ölwechsel geht, muss den Motor nicht austauschen.


Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Dr. Schlomm.

Früherkennungs- bzw. Vorsorgeuntersuchungen können Leben retten.

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